Ulf Geyersbach, Machandels Gabe
„Statt eines zufriedenen Zutschelns und Glucksens – dem mindesten, was man von einem Säugling erwarten konnte! – umgab sie jedoch ein so zähes und wütendes Geschrei, dass sie irre zu werden glaubte. Nur wenn sie einen Löffel zu einer Schüssel führte, in der ein Rest kalte Hafergrütze klebte, dann schnüffelte, schnäuperte und schnupperte dieses wundersame Kind, dann spannten und strafften und wölbten sich seine beiden Lippen, dann gluckste und gurrte und gurgelte es so auffällig in Richtung des Löffels, dass Clara Machandel brummte.
„Kaum auf der Welt, schon frisst er mir die Haare vom Kopf!“
Noch als sie ihn in einen mit Lammfell ausgeschlagenen Korb bettete, den sein Vater hergerichtet hatte, leckte der Wurm an diesem Löffel, als sei es das höchste Glück. Einer Eingebung folgend, gab die Mutter dem Kind also Brei, sobald es schrie. Mit dem Löffel. Und sobald es den Löffel leergezutschelt hatte, schrie es von neuem.
Ignaz Machandel kommt im Jahr 1769 in einem elenden Dorf in der Oberlausitz zur Welt. Dass aus ihm einmal der größte Koch seiner Zeit werden sollte, ahnte da noch niemand.
Auf 284 Seiten entfacht Ulf Geyersbach ein Feuerwerk der Düfte und Leckereien.
Wir begleiten den kleinwüchsigen Ignaz Machandel von der Oberlausitz bis ins Herz der kulinarischen Genüsse: Paris
Wie in einem Fieberwahn kocht sich Machandel durch die Küchen Europas, bis er schließlich ans Ziel seiner Träume gelangt: In die Küche des damaligen Stars der Kochkunst – Louis-Sébastien Baffour.
„Drei Tage später war es endlich soweit – der Küchentrakt des Palais Luxembourg glich kurz nach fünf Uhr in der Frühe einem Dampfkessel. Einem Kessel, der brodelte.
Feuerburschen schleppten ganze Wälder heran, ihre Arme brannten wie Pech – indes die Schenkel und Knie der Blasebalgtreter vor Erschöpfung zitterten, so unerbittlich forderten die Herdluken das Holz. Klafter um Klafter, die Flammen fraßen mit dem Appetit von Riesen. Viehisch schwitzende Gestalten entfachten die Glut mit Blasrohren, ihre lumpenumwickelten Hände hielten Rohrschäfte, ihre Wangen waren gedunsen, die Lungen kurzatmig wie die Lungen alter Marktweiber.
Sailland hatte die seidenen Pantalons bis über die Knie hinaufgekrempelt, seine Waden zitterten vor Erschöpfung. Auch er schrie nach Holz, doch seine Stimme verebbte im Lärm und Gebrüll. Erfahrene Hände teilten die Asche mit Stielschaufeln, schoben sie auf die Seite, und hatten sie endlich das Feuer gefrischt, dann flehte Saillands, auf eine seiner Flammen Asche zu streuen, um seiner Sauce à la soubise nicht den Verstand zu rauben. Gradelle, der Rotisseur, schrie wieder nach starker Glut für seine Enten, Patissiers nach Block- oder Roheis, um ihre Kreationen aus gesponnenem Zucker zu refrodieren. Die Küche wogte im ewigen Widerstreit zwischen Hitze und Kälte, Feuer und Eis.
Seihtücher dampften, Quirle schnurrten, Schaumlöffel rotierten. Die Rebhunschenkel vergingen in Rotweinfond, bronzierte und bezaubernd karameliserte Fasanenbrusttranchen verschenkten sich an etouffierte Entrées, denen man die Form von Kronen oder Schiffen verliehen hatte.
Bisweilen trat ein Koch in den Hof, wandelte eine Allee des Luxembourg-Parks hinab, seine Arme kreisten in der Luft, als scheuchten sie Saatkrähen auf. Wieder ein anderer fiel in Ohnmacht, er wurde durch einen ebenso besessen rührenden Kollegen ersetzt. Nur einer wankte keine Sekunde, der Dirigent dieses Konzerts: Louis-Sébastien Baffour. Mit breitspurigem Schritt stolzierte er hin und her, befahl Brühe zu ziehen, Feuer zu schüren, Mörser zu spülen – und an seiner Seite stand und sprang Machandel, dem Baffour die Planung und Verfeinerung des Buffets übertragen hatte.“




