Morgan Callan Rogers, „Rubinrotes Herz, eisblaue See“
Die 11jährige Florine lebt mit ihren Eltern und ihrer Großmutter in einem Fischerdorf an der Küste Maines im Nordosten der USA.
Wie die meisten anderen Männer der kleinen verschworenen Dorfgemeinschaft verdient ihr Vater sein Geld mit dem Hummerfang. Ihre Mutter Carlie arbeitet als Kellnerin im „Lobster Shack“:
„An dem Tag, den ich am besten in Erinnerung behalten sollte, packten wir den Picknickkorb und machten uns mit Petunia, Carlies 1947er Ford Coupé, auf den Weg zum Mulgully Beach. Dort waren mir mit Carlies Freundin Patty verabredet. Patty kellnerte zusammen mit Carlie.
… Carlie bekam immer reichlich Trinkgeld. Während Patty flirtete und kicherte und jedem zu verstehen gab, dass sie es faustdick hinter den Ohren hatte, brauchte Carlie solche Manöver gar nicht. Sie brachte jeden Raum zum Strahlen und zog die Menschen magisch an. Für mich war sie das Zentrum des Universums. Und für Daddy auch.
Ich nannte sie immer Carlie, nie Mutter, Mom oder Ma. Mit achtzehn war
sie mit Petunia aus Massachusetts hierhergekommen. Daddy hatte mir erzählt, wie sie sich vor Rays Laden begegnet waren. Sie hatte ihn sofort umgehauen.
…. ‚Vor dem Laden stand ein Auto, die Stoßstange glänzte in der Sonne. Dann schob sich jemand davor. Es war ein Mädchen, und es lächelte mich an. Hübsche Augen, rotes Haar. Bisschen dünn, aber das war mir egal.’
Florine wird geliebt und umsorgt, hat eine glückliche und behütete Kindheit.
Bis zu jenem Sommer, in dem ihre freiheitsliebende und lebenshungrige Mutter während eines Kurz-Urlaubs mit ihrer Freundin plötzlich verschwindet. Florines heile Welt zerbricht; was ist nur geschehen? Wurde ihrer geliebten Mutter das heile Familienleben zu viel, das kleine Fischerdorf zu eng? Oder ist Carlie etwas schreckliches zugestoßen?
In „Rubinrotes Herz, eisblaue See“ begleiten wir Florine durch die Jahre nach dem Verschwinden ihrer Mutter, erleben ihre Trauer, ihre Hilflosigkeit, ihren Verlust. Wir hoffen mit ihr auf Carlies Rückkehr, die ja vielleicht nur eine Auszeit von der Familie brauchte. Wir fühlen aber auch ihre Wut auf den Vater, als der sich – des Alleinseins müde – wieder neu verliebt; teilen ihren ersten eigenen Liebeskummer und rebellieren mit ihr gegen die Welt, die sich einfach weiterdreht.
Sie selbst sagt später über sich:
‚Es war gut, dass Grandma mich so liebte, denn in dem Frühjahr, als ich vierzehn wurde, hätte mir jeder andere einen Zentnersack Zement ans Bein gebunden und mich im Meer versenkt.’
„Rubinrotes Herz, eisblaue See“ ist ein wunderschöner Roman, voll mit ganz großen Gefühlen und immer so poetisch, wie es der Titel schon andeutet – aber ganz ohne Kitsch.




